60 Minutes in Heaven. Äh … im Aufzug.

Im Aufzug stecken geblieben. Ein Minutenprotokoll.

Am Donnerstag habe ich ein kryptisches Bild von meinen Fußen in ausgetretenen Chucks, die sich an der Innenwand eines Aufzugs abstützen, auf Instagram gepostet. Begleitet von der großmauligen Ankündigung, haargenau zu berichten, was meine Füße dort eine knappe Stunde zu tun hatten. Hier ist es nun. Das Protokoll einer Aufzugspanne. Detaillierter als ihr es je lesen wolltet. Bühne frei:

18:15 – Ich verlasse alleine das Büro. Normalerweise nehme ich immer die Treppe, wenn ich alleine nach unten gehe. Doch der Aufzug steht schon im dritten Stock bereit, als habe er nur auf mich gewartet

18:16 – Ich betrete den Aufzug. Den rechten. Der, der ständig kaputt ist. Ich drücke die Taste mit dem E.

18:17 – Der Aufzug senkt sich.

18:17 und ein paar Sekunden – Mein Gefühl sagt mir, dass das Gefährt nun im Erdgeschoss angekommen sein müsste.

18:18 – Ein Knacken ertönt. Dann noch eines. Dann ein Rumms. Dann verweigert die Stockwerkanzeige ihren Dienst, es ist nur noch ein roter, trauriger, unheilverkündender Strich zu sehen.

Bleiben nicht nur zerstrittene Paare in sat.1 Filmen in Aufzügen stecken?

18:18 – Ich denke: „Das ist jetzt ein schlechter Scherz.“ Und fange tatsächlich ein bisschen an zu lachen. Bleiben nicht nur zerstrittene Paare in sat.1 Filmen in Aufzügen stecken, um dort dann innige Gespräche zu führen, anhand derer sie ihre Fehler erkennen, sich versöhnen, einander in die Arme fallen und heftig anfangen zu knutschen, nur um im entscheidenen Moment, in dem seine Hand unter ihren Rock fährt (sie trägt einen Bleistift-Rock – das muss so!) von einem Techniker coitus interrupted zu werden?

18:19 – Ich fühle in mich, ob ich so ein Mensch bin, de rin Aufzügen Panikattacken bekommt.

18:20 – Scheinbar nicht.

18:21 – Den Alarmknopf zu betätigen, kommt mir würdelos vor. Ich versuche es also zunächst bei einem meiner Chefs. Netz habe ich natürlich nicht. Dafür aber nur noch 15% Akku und ein klein wenig Edge-Internet.

18:23 – Chef antwortet via WhatsApp, dass er nicht mehr im Büro ist. Mistekack. Also doch auf den Knopf mit der Glocke drücken.

18:24 – Ich drücke einmal kurz und erschrecke mich zu Tode, als das Geräusch nicht wie erwartet lautlos ist, sondern ein ohrenbetäubendes Signalhorn. Erwäge kurz, ob ich ABC-Alarm ausgelöst habe.

18:30 – Nachdem ich 5 oder 6 mal kurz geklingelt habe und nichts passiert ist, lese ich zum hundertsten Mal das Hinweisschild: „Sollte keine Sprechverbindung hergestellt werden, drücken sie den Notfallschalter erneut.“ Durch eine Eingebung komme ich auf die glorreiche Idee, den Knopf mal gedrückt zu halten. Das Nebelhorn trompetet gefühlt durch ganz Frankfurt. Dann ertönt ein Knistern im Lautsprecher. Ah! Das ist also die sagenumwobene Sprechverbindung.

18:31 – „Hallo, hier ist die Bereitschaftszentrale“, tönt es. „Hallo?“, haspele ich. „HALLO, HIER IST DIE BEREITSCHAFTSZENTRALE, WAS IST DENN?“, wiederholt der Herr, nun ungehalten. „JAAA, HALLO!“, wiederhole auch ich – ebenfalls ungehalten. Will der mich veräppeln. „JA, WAS WOLLEN SIE DENN, HIER IST DIE BEREITSCHAFTSZENTRALE!“ Was ich will? Erwartet der Mann allen Ernstes, dass ich sage „Ach du, ich stecke im Aufzug fest. Aber wo wir schon mal sprechen, könnten sie mir natürlich auch ne Therapie-Stunde anbieten.“

18:32 – Mir wird bewusst, dass die Gegensprechanlage wie ein Walkie-Talkie funktioniert. Wenn das Männlein spricht, hört er mich nicht. Ich muss also warten, bis die Leitung frei wird. Nachdem wir das geklärt haben, ist das Männlein nett und zuvorkommen. Fragt, ob ich gesundheitlich fit bin. Bin ich. Ob ich allein bin. Bin ich. wäre ja noch schöner, wenn ich meinen engen Lebensraum auch noch teilen müsste.

18:33 – Das Männlein verspricht, dass jemand kommt und ich keine Angst haben muss. Okay. Habe ich nicht.

18:34 – Meine Wartezeit beginnt. Nachdem ich ein paar meiner Lieben mitgeteilt habe, dass ich im Aufzug stecke und deshalb a) kein Abendessen vorbereiten kann und b) nicht mehr so gut Netz habe, stelle ich fest, dass mein Akku auf 13% gesunken ist.

 

18:35 – Ich halte es für eine gute Idee, die Akkuleistung mit ein paar Selfies auf die Probe zu stellen.

18:38 – Bei 10% Akku bietet mit das Handy höflich den Ultrasparmodus an. Ich überlege kurz, in die Vollen zu gehen, und mein Magazin leerzuballern. Wer im Aufzug steckt, soll ja wenigstens gut unterhalten werden.

18:40 – Mir wird klar, dass ich mein aktuelles Hörbuch über Spotify streame. Meine Edge-Verbindung pisst sich vor Lachen fast in die Hose, als ich versuche, das ungeladene Kapitel anzuhören.

18:41 – Ich checke meine Audible-Bibliothek nach heruntergeladenen Hörbüchern und finde nur drei. Nummer 1 ist das, was ich erst vorgestern beendet habe. Nummer 2 ist The Shining. Beim Gedanken daran, mit Jack Torrance auf zwei Quadratmetern ohne Licht- und Luftzufuhr eingesperrt zu sein, pisse nun wiederum ich mir kurz in die Hose. Nicht vor Lachen. Das dritte heruntergeladene Hörbuch auf meinem Handy ist mein eigenes. Und so gern ich Tage zum Sternepflücken auch habe – von meinen eigenen geistigen Ergüssen geistern mir im Moment schon genug im Kopf herum.

18:43 – Ich treffe die Vernunftentscheidung, mein Handy in den Ultrasparmodus zu versetzen und verabschiede mich von jeglichen Unterhaltungsmedien und der Verbindung zur Außenwelt.

18:45 – Ich muss zur Toilette.

18:46 – Dringend.

18:47 – Der Rest in meiner Sporttrinkflasche sieht verdächtig aus wie Pipi.

18:48 – Wie machen das Menschen, die echt lange im Aufzug stecken? Wie hoch ist das Fassungsvermögen einer Blase? Wie weit kann man das ausreizen? Wenn ich in meine Flasche pinkeln muss – wird der Techniker genau in dem Moment die Türen öffne, in dem ich versuche, den Akt zu vollziehen?

18:50 – Ich setze mich hin. Kann schließlich noch etwas dauern.

18:55 – Ich könnte ein Freeletics Workouts machen!

18:56 – Die App frisst zu viel Strom.

18:57 – Und braucht Internet.

18:58 – Und ich will mir nicht ausmalen, welchen Effekt, Burpees auf meine Aufzugsituation haben.

18:59 – Oder meine Blase.

19:10 – Warum denkt man immer so viel, wenn man sich vornimmt, nichts zu denken? Ist meine Situation ein Zeichen? Dass ich öfter die Treppe nehmen sollte? Dass man nur dieses eine Leben hat? Dass ich mir daher ein neues Paar Schuhe gönnen darf?

19:12 – Habe ich meinen Eltern oft genug gesagt, dass ich sie liebe?

19:13 – Wäre das hier ein guter Romaneinstieg oder ist das zu Klischee?

19:14 – Definitiv zu sehr Klischee, siehe Gedanken von 18:18. Stichwort sat.1.

19:15 – „I got my first real six string. bought it at the five-and-dime …“

19:16 – „Back in the summer of 69. Wooohoooo.“

19:17 – Ich höre, wie außerhalb meines Gefängnis ein Schlüssel im Schloss gedreht wird. Es knackt wieder ein paar Mal und plötzlich öffnen sich die Türen.

„Na, entschuldigen Sie, wenn ich störe.“

19:18 – Tageslicht. Freiheit. Scheinbar habe ich einen Regenschauer verpasst und wer weiß, was noch alles. Ich rappele mich vom Boden auf, als ein Herr in Blaumann den Kopf durch den Eingang steckt und freudig sagt: „Na, entschuldigen Sie, wenn ich störe.“ Ich bemühe mich um ein freundliches Lachen. Schließlich kann der Mann nix dafür und sicherlich freut er sich schon seit 45 Minuten darauf, gleich diesen Witz machen zu können. Zum wahrscheinlich abertausendstet Mal.

19:19 – Ich packe meine sieben Sachen zusammen und trete aus dem Aufzug, wie ein Vampir aus der Krypta. „Na, das musste jetzt auch noch sein, nich wahr?“, fragt Blaumann ironisch. „Haha, ja. Toller Start in den Feierabend“, bemühe ich mich. „Neenee, keine Sorge, ich hab noch nicht Feierabend. Ich hab nur so lange gebraucht, weil es echt schlimm ist, zu dieser Uhrzeit durch Frankfurt zu fahren.“ Ich brauche einen Moment, dann wird mir klar, dass er mich missverstanden hat und denkt, ich hätte mir Sorgen darüber gemacht, seinen Feierabend mit dieser Rettungsaktion verzögert zu haben. Ich fühle mich jedoch kein bisschen schuldbewusst. Der Feierabend des Technikers könnte mir in diesem Moment nicht mehr egal sein. Aber ich belasse es dabei, grinse ein wenig weiter meine aufgesetzte gute Miene.

19:21 – „So, sagen sie mir nur noch eines: Wie isses denn passiert?“ Ich stutze: „Dass der Aufzug stecken geblieben ist?“. „Ja.“ Ich bin geneigt, ihn zu fragen, wieso er mir diese Antwort nicht gibt, bleibe aber freundlich und schildere den spannenden Tathergang: „Ich bin eingestiegen, habe auf E gedrückt und unten gab es zwei Schläge und dann war die Anzeige kaputt.“ „Zwei Schläge … so, so.“ Gott, fühle ich mich doof. Gab es irgendwelche Details, die mir entgangen sind? Hat er damit gerechnet, dass ich sage: „Ach, ich bin acht Mal in die Höhe gesprungen, habe mich gegen den Uhrzeigersinn gedreht, eine Zauberformel ausgesprochen und weil die Planeten in der richtigen Konstellation standen, führte dies zu Stilllegung meines als Aufzug getarnten Hexenbesens.“ Also füge ich noch hinzu: „Ich hab nix gemacht.“ Ich fühle mich, wie eine vierjährige, die die Keksdose aus Emaille fallen gelassen hat. „Also auch nicht zu oft die Knöpfe gedrückt oder so.“ Jetzt lacht der Mann herzlich und sagt: „Ist schon gut. Selbst wenn, das müsste das Teil schon aushalten.“ Ich bin erleichtert.

19:25 – Ich verabschiede mich vom Retter in der Not, deaktiviere den Ultrasparmodus und lasse mich bis zum letzten Tropfen Akku auf dem Heimweg von Spotify mit meinem Hörbuch bestreamen.

Was ein Tag.

 

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