MANCHE MÖGENS HEISS

So sehe ich aus, nach dem feuchtfröhlichsten Abend seit langem: noch ein bisschen verwuschelt, aber endlich wieder trocken. Und das, obwohl das einzige alkoholhaltige Getränk, das ich zu mir genommen habe, jeden Bier-Sommelier dazu bringen würde, nackt in den Braukessel zu springen. Und ich hätte alles, wirklich alles dafür gegeben, mir dieses Becks Lemon, statt es zu trinken, über den Kopf zu schütten, wie eine Triathletin kurz vor dem Zieleinlauf.

Die Klimaanlage ist in den Ferien und die Urlaubsvertretung bläst nur heiße Luft.

Nach der Arbeit ging es für eine schnelle Runde ins Fitnessstudio. Schnell deshalb, weil ich a) später verabredet war (dazu gleich mehr), b), weil Freeletics Gym – aus irgendwelchen Gründen – nur einen knackigen Armtag angesetzt hatte und c) weil es in unserem Schmelztiegel von einem Gym nicht länger auszuhalten war. Die Klimaanlage hat sich dort nämlich kurzerhand in die Sommerferien verabschiedet, und die Urlaubsvertretung bläst nichts als heiße Luft. Die drei oder vier Ventilatoren, die als Ersatz aufgestellt worden sind, bekommen in ihrem Arbeitszeugnis von mir lediglich den Vermerk: Sie waren stets bemüht. Denn nach vierzig Minuten lag ich in einer kochenden Brühe meiner eigenen Ausdünstungen, schnappte nach Luft und meinte, irgendwo in der Ferne die Stimme von Daenerys Targaryen zu hören, die ihren Drachen mit dem Wort „Dracarys“ den Befehl zum Feuerspeien erteilt hatte.

Äppler so teuer wie Champus, aber die Banker sind knallharte Rocker!

Im Anschluss hetzte ich nach Hause, kochte eine unitalienische Version von Nudeln mit Carbonara Sauce und legte eine neue Schicht Make-up auf – die alte war irgendwann zwischen dem zweiten und dritten Satz Trizeps Extensions von meinem Gesicht geschmolzen und auf den Boden getropft.

Wir wollten in den Geburtstag einer Freundin reinfeiern und wählten dafür ausgerechnet das Gibson aus.

Ich bin kein großer Fan des Gibson. Ist ja nett, dass man dort donnerstags vor 22 Uhr für umme reinkommt. Dafür ist es aber eben auch die einzige Location in ganz Frankfurt, in der Apfelwein denselben Literpreis hat wie andernorts Moet & Chandon. Auch nett ist die Idee, dort Live-Musik zu spielen. Aber spätestens nach dem dritten Lied möchte man dem zweifellos talentierten Konglomerat aus Berufsmusikern und Ex-Castingshow-Teilnehmern zubrüllen, dass 8-minütige Gitarrensoli auf einem Dream Theatre Konzert vielleicht okay sind, im Gibson aber bestenfalls dazu dienen, den Bankern in der Private Lounge das Gefühl zu geben, sie wären echte Rocker. Dabei rockt die Musik nicht, sie funkt bestenfalls. Und den Funk in allen Ehren, aber nicht jedes Lied aus den Top 20 der Charts eignet sich dazu, bis zur Unkenntlichkeit in einer Funk-Version interpretiert zu werden. Da kann man noch so viel Wawa-Effekt aus den Keyboards herausholen.

Aber von der Musik und den Getränkepreisen einmal abgesehen, ist es im Gibson vor allen Dingen immer eines: Verdammt heiß!

Ich war in einem Polyester-Top im Schicksalsberg von Mordor.

Da man dort, wie gesagt, nur bis 22 Uhr in den Genuss kommt, das Wawa-Keyboard zu erleben, war ich auf dem Weg dorthin sehr in Eile. So sehr in Eile, dass ich nach drei Minuten in der Keller-Location in etwa so doll geschwitzt war, wie zuvor bei meinem Training.

Fühlt sich so Disko-Pumpen an? Schön die Arme aufpumpen, zur Location hetzen und noch vor dem ersten Kaltgetränk einen Bach aus Schweiß zwischen den Muskeln links und rechts der Wirbelsäule sein eigen nennen? Ich schwör’s euch: Hätte ich mich auf den Bauch gelegt, hätten Bieber auf meinem Rücken einen Staudamm bauen können. Doch es gab keine Bieber. Es gab nur mich in einem atmungsunaktiven, Polyesteroberteil, das sich mit jeder Minute im Schicksalsberg von Mordor mehr anfühlte, als trüge ich die wetterabweisende Zeltplane von Reinhold Messners Campingausrüstung.

Nach zehn Minuten war ich geschwitzter als der Gewinner des Iron Man und vermied jede überflüssige Bewegung, die dazu hätte führen können, dass ich a) kollabierte oder b) meine Kleidung näher an meinen Körper brachte. Das hätte nämlich zu sofortiger Nässefleckenbildung geführt – etwas, das man in einem mintfarbenen Polyesterkleidungsstück unbedingt vermeiden möchte.

Eine geschlagene Stunde habe ich gebraucht, um mich zu akklimatisieren – eine Zeitperiode, in der ich mehrfach drauf und dran war, meinen Frauenarzt anzurufen, um ihn zu fragen, ob Wechseljahre mit 26 sehr ungewöhnlich sind und von wie schnell auf gleich die Menopause eigentlich so eintreten kann. Und das alles (!) wohlgemerkt in einer Umgebung, in der das Publikum trotz angeblichem casual Dresscode durch die Bank weg in hautenge Kleider, Marken-Jacketts und aufgestellte Polokragen gekleidet war. Umgeben von Frauen, die nicht schwitzen, sondern bestenfalls Feenstaub ausatmen, und Männern, die 800 Euro Mindestverzehr auf sich nehmen, um eine Stufe von allen erhaben in der abgetrennten Lounge zu flanieren und Wunderkerzengespickte Flaschenkühler mit Wodka zu verzehren.

 

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The Place to be in der Weißadlergasse in Frankfurt

Kurzum: Wir haben pflichtschuldig den Anbruch des nächsten Tages abgewartet, um null Uhr kurz meine Freundin hochleben lassen, und uns dann in eine Bar („The Place to be“) verzogen. Und dies war an diesem Abend wirklich der bessere Place to be. Denn obgleich man dort nicht tanzen kann, bleibt man wenigstens trocken, der Apfelwein kostet 2,50 und weit und breit hört man keine Sängerin, die zwar begabt ist, es aber aus irgendeinem Grund für nötig hält, am Ende jedes Songs Töne von sich zu geben, die nur Jagdhunde hören können. Wenn ich – als leidenschaftliche Jüngerin von MUSE-Sänger Matt Bellamy das sage – dann soll das was heißen.

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